Schritt für Schritt
Das Probeteil: nähen, anprobieren, anpassen
Ein Probeteil zeigt dir, ob der Schnitt passt, bevor du den guten Stoff anschneidest. So wählst du den Stoff, nähst schnell, liest Falten richtig und überträgst Änderungen in den Schnitt.

Bei jedem Maßschnitt und bei jedem neuen Schnitt steht bei uns: Näh zuerst ein Probeteil. Das klingt nach Umweg, spart aber Stoff, Zeit und Ärger. Ein Schnitt ist am Ende eine Rechnung, und dein Körper und dein Stoff halten sich nicht immer an Rechnungen.
Ein Probeteil muss nicht schön sein. Es muss nur ehrlich sein: aus einem Stoff, der sich ähnlich verhält, schnell genäht und gründlich anprobiert. Hier liest du, wie das geht und wie du aus dem, was du siehst, eine Änderung machst.
Das brauchst du
- Günstiger Stoff mit ähnlicher Dehnung wie dein späterer Stoff (Reste, alte T-Shirts, Bettwäsche)
- Lineal oder Maßband
- Kreide oder Stoffmalstift
- Stecknadeln
- Heftgarn oder Garn in einer Kontrastfarbe
- Spiegel und Handy für Fotos
Schritt 1
Den richtigen Probestoff wählen

Ein Probeteil sagt nur dann etwas über die Passform, wenn sich der Stoff ähnlich verhält wie der spätere. Bei Jersey und Strick zählt vor allem die Dehnung.
So machst du die Dehnprobe: 10 cm quer zum Fadenlauf markieren, den Stoff am Lineal sanft dehnen, bis du Widerstand spürst, und die Länge ablesen. 13,5 cm bedeuten 35 % Dehnung. Mach die Probe mit beiden Stoffen; sie sollten auf ein paar Prozent gleich sein.
- Für Jersey-Schnitte (Merl, Han, Pulo, Wleg): günstiger Jersey, alte T-Shirts oder Jersey-Bettwäsche mit ähnlicher Dehnung und ähnlicher Dicke.
- Für Webware: ein altes Bettlaken oder Nessel.
Schritt 2
Schnell und vereinfacht nähen

- Nur was du zum Prüfen brauchst: die Hauptteile und einen Ärmel. Halsbündchen, Spitze, Taschen und Säume lässt du weg; Säume nur umbügeln.
- Linien übertragen: Taille, Hüfte, vordere und hintere Mitte und den Brustpunkt mit Kreide oder Stoffmalstift auf die rechte Seite. An diesen Linien siehst du später, ob etwas schief sitzt.
- Lange Stiche: Stichlänge 4 bis 5 mm oder heften, damit du leicht wieder auftrennen kannst. Bei Jersey ein langer, schmaler Zickzack, damit die Naht beim Anziehen nicht reißt.
- Zugaben nicht kürzen und nicht versäubern. Falls du irgendwo Weite brauchst, kannst du sie dort herausholen.
Schritt 3
Richtig anprobieren

- Darunter wie später: dieselbe Unterwäsche, derselbe BH. Bei Hose und Kleid die Schuhe, mit denen du es tragen willst.
- Bewegen: Arme heben, hinsetzen, bücken, ein paar Treppenstufen gehen. Ein Probeteil, das nur im Stehen passt, passt nicht.
- Fotos machen: von vorn, von der Seite und von hinten, aus etwa zwei Metern Abstand, Kamera auf Taillenhöhe. Auf Fotos siehst du Dinge, die dir im Spiegel nicht auffallen.
- Die Linien ansehen: Laufen Taille und Hüfte waagerecht? Hängen die Seitennähte senkrecht nach unten? Sitzt die Schulternaht oben auf der Schulter?
Schritt 4
Falten lesen

Falten verraten dir, was der Schnitt braucht. Es gibt zwei Sorten:
- Zugfalten sind gespannt und laufen schräg. Sie zeigen auf die Stelle, an der Weite oder Länge fehlt. Zugfalten von der Brust zur Achsel heißen zum Beispiel: An der Brust ist zu wenig Weite.
- Lose Querfalten liegen locker und wellig. Hier ist zu viel Stoff, meist zu viel Länge. Wellen im unteren Rücken über dem Po bedeuten oft, dass der Rücken dort kürzer sein darf.
Auch Linien helfen: Steigt der Saum vorne an, fehlt vorne Länge. Zieht es bei einer Hose im Schritt, ist der Schrittbogen zu kurz.
Schritt 5
Abstecken und messen

- Zu viel Stoff: Steck den Überschuss als Falte ab, bis es glatt liegt, und zwar auf beiden Seiten gleich. Miss die Falte von der Nadellinie bis zum Bruch und nimm den Wert doppelt: So viel ist zu viel.
- Zu wenig Stoff: Trenn die Naht an der Stelle so weit auf, bis der Stoff glatt liegt. Miss den Abstand zwischen den Kanten: So viel fehlt.
- Aufschreiben: wo (z. B. Seitennaht in Taillenhöhe), wie viel und ob mehr oder weniger. Mach ein Foto mit den Nadeln drin.
Ändere immer nur eine Sache und probier dann wieder an. Manchmal löst eine Änderung zwei Probleme auf einmal.
Schritt 6
Änderungen in den Schnitt übertragen

- Linie neu zeichnen: die Änderung an der gemessenen Stelle eintragen und zur nächsten Ecke oder zum nächsten Passzeichen weich auslaufen lassen, ohne Knick.
- Gegenstück mitändern: Wird eine Seitennaht vorne kürzer, muss die hintere genauso lang bleiben. Passzeichen versetzen, wenn sich eine Länge ändert.
- Beim Maßschnitt zuerst die Maße prüfen: Ist eine große Abweichung da, war oft ein Maß anders gemessen, zum Beispiel die Hüfte zu hoch. Lies dann noch einmal Richtig Maß nehmen.
- Beim Probenähen: Schick deine Notizen und Fotos über deine Rückmeldeseite. Genau das hilft uns, den Schnitt für alle besser zu machen.
Ein zweites Probeteil lohnt sich nur bei großen Änderungen. Kleine Korrekturen kannst du direkt im echten Stoff nähen.